Selbstversorgende Städte? Bald sind sie keine Zukunftsmusik mehr

Wenn wir einkaufen, prüfen wir oft, woher die Lebensmittel importiert worden sind. Was wäre, wenn dies nicht mehr nötig wäre, weil sie vor Ort wachsen?

 

Das Infarm-Trio: Osnat Michaeli, Erez und Guy Galonska

Die Brüder Brüder Erez und Guy Galonska sowie Osnat Michaeli stehen hinter dem Berliner Unternehmen Infarm. Seit 2013 tüfteln sie an einem «Vertical Farming»-System, das Landwirtschaft mitten in der Stadt möglich macht. Wie genau das funktioniert? Im Rahmen der Serie «Räume voller Leben» haben wir Erez Galonska und Osnat Michaeli in ihrem Hinterhofbüro in Berlin-Kreuzberg getroffen und mit ihnen über ihr Schaffen und ihre Motivation gesprochen. Ein kleiner Ausflug in die Zukunft.

 

Erez Galonska und Osnat Michaeli: Was genau ist Infarm?

Erez Galonska: Bei Infarm betreiben wir moderne Landwirtschaft in der Stadt, für die Stadt. In den letzten drei Jahren haben wir ein modular aufgebautes, vertikales Gewächshaussystem entwickelt, eine Art Lego-Modell. Man kann die Module zum einen so zusammensetzen, dass man – je nach Bedarf – grössere oder kleinere Gewächsanlagen hat. Zum anderen lassen sich unsere Indoor-Gärten an fast jedem Ort installieren, egal ob in einem Loft, einem Supermarkt oder einem Restaurant. Durch ein Smart Grid, also ein intelligentes Stromnetz, sind die Farmen miteinander verbunden und können aus der Ferne gesteuert werden.

Osnat Michaeli: In den Gewächsschränken steckt ein kontrollierbares System, mit dem man allerlei Ökosysteme imitieren kann. So lassen sich für jede Pflanze die optimalen Bedingungen schaffen. 365 Tage im Jahr, klimaunabhängig. Unsere Langzeitvision ist, dass wir keine pflanzlichen Nahrungsmittel mehr importieren müssen, weil sie auch hier wachsen können. Wir wünschen uns, dass irgendwann eine Stadt voller Indoor-Farmen nach unserem Modell entsteht, die sich selbst versorgt.

 

Die Herkunft des Essens zu kennen, bekommt einen immer grösseren Stellenwert und ebenso die Nachhaltigkeit in der Herstellung.

Und die Stadt als Wohnort wird immer wichtiger.

Erez Galonska: Ja, die Weltbevölkerung wächst, und bis 2050 werden wahrscheinlich 70 Prozent der Menschen in Städten leben. So wie Nahrungsmittel aktuell angebaut und gehandelt werden, wird nicht nur unfassbar viel Energie verbraucht, sondern auch viel Abfall produziert. 30 Prozent der Lebensmittel landen erst gar nicht auf dem Teller. Wir versuchen uns an einem alternativen Versorgungssystem.

Glauben Sie, dass der Anbau zukünftig auch in den eigenen vier Wänden stattfinden kann?

Osnat Michaeli: Unsere allererste Indoor-Farm entstand tatsächlich in unserem Wohnzimmer. Ich erinnere mich noch genau: Es war ein verschneiter Februar und in unserem Wohnzimmer wuchs frisches Gemüse. Seine eigene Nahrung anzubauen, gibt einem ein unglaubliches Gefühl von Unabhängigkeit. Es ist aber auch sehr aufwändig und beansprucht viel Zeit, die die meisten von uns leider nicht haben. Ich glaube nicht, dass alle Menschen diesen Aufwand betreiben werden, aber die Lebensmittelproduktion wird sich definitiv mehr an der individuellen Nachfrage orientieren. Konsum hat sich verändert, die Menschen verlangen mehr Transparenz und mehr Qualität von den Herstellern und Produzenten. Die Herkunft des Essens zu kennen, bekommt einen immer grösseren Stellenwert und ebenso die Nachhaltigkeit in der Herstellung. Das heisst: lokaler Anbau ohne Pestizideinsatz.

Was kam nach den Experimenten im heimischen Wohnzimmer?

Erez Galonska: Sehen Sie den Wohnwagen hinter mir?

Erinnert an die Serie Breaking Bad.

Erez Galonska: Vor dreieinhalb Jahren haben wir diesen Wohnwagen mit unseren Modulen gefüllt und uns mit ihm in den Prinzessinnengarten in Berlin gestellt, um den Leuten zu zeigen, was «Vertical Farming» bedeutet. Was es heisst, etwas unter künstlichen Bedingungen anzubauen. Die Leute waren echt neugierig. Seitdem ist Infarm eine Achterbahnfahrt.

 

Wie beruhigen Sie diejenigen, denen Ihre Gewächshaussysteme etwas zu künstlich und futuristisch aussehen?

Osnat Michaeli: Das ist eine interessante Frage. Wir setzen uns auch viel damit auseinander, was natürlich ist und was künstlich. Alles, was vom Menschen gemacht wird, ist letztlich künstlich. Unser Ziel ist es, die natürlichen Ressourcen auf intelligente Art zu nutzen und immer von der Natur zu lernen. Die Diskussionen hören eigentlich meist auf, sobald wir unsere Produkte zum Probieren anbieten. Wenn du einmal etwas isst, das gerade frisch geerntet wurde, stellst du plötzlich fest, dass die meisten Sachen, die wir zu uns nehmen, nur ein  Echo des Originals sind.

 

Sie haben einen Mikrogarten im 25hours Hotel in Berlin installiert, zwei Ihrer Gewächsschränke stehen in Grosshandelsmärkten in Berlin und Antwerpen. Jetzt kommen Ihre Kräutergärten auch in die deutschen Supermärkte.

Erez Galonska: Das wird spannend, denn das ist nochmal ein neues Feld für uns. Man kommt in den Supermarkt und unsere Gewächsschränke werden neben dem frischen Gemüse stehen, eine Farm im Laden. Die Farm selbst können wir aus der Ferne durch die Cloud überwachen und so das Rezept, also das Wasser, die Nährwerte, den pH-Wert, die Temperatur und das Sauerstofflevel, regulieren. So können wir das Wachstum, den Geschmack oder die Struktur der Pflanzen verbessern. Es dauert etwa 4 bis 8 Wochen bis zur ersten Ernte, dann wachsen die Kräuter und Salate regelmässig nach. Unsere «Farmer» kommen dann ein- bis zweimal die Woche, ernten direkt, und die Leute können die frischen Produkte kaufen.

Wo genau bauen Sie Ihre Pflanzen sonst an?

Erez Galonska: Wir haben mittlerweile mehrere Locations: Restaurants und Supermärkte zum Beispiel. Bei einem Restaurant stimmen wir uns beispielsweise auch sehr eng mit dem Koch ab, suchen nach neuen Pflanzenarten, kreieren neue Rezepte für die Pflanzen. Hier in Kreuzberg bauen wir nur für die Nachbarschaft an – und für uns selbst natürlich (lacht). Bis Ende des Jahres werden wir voraussichtlich 20 neue Anbaustätten in Berlin haben, nächstes Jahr sogar 100 mehr.

Unser Ziel ist es, die natürlichen Ressourcen auf intelligente Art zu nutzen und immer von der Natur zu lernen.

Was sind die Anforderungen an eine Anbaustätte?

Osnat Michaeli: Unsere Module können an jedem denkbaren Ort integriert werden: Supermärkte, Vertriebszentren, Restaurants, Schulen, Krankenhäuser und überall, wo Essen zubereitet bzw. serviert wird. Wir sind für viele Kunden ein attraktiver Partner, weil unsere Systeme eine zuverlässige Qualität bei stabilen Preisen liefern. Im Gegenzug finden wir über unsere Partner immer mehr Verbreitung und erreichen viele Endkunden direkt.

Was können Sie in Ihren Indoor-Gärten anpflanzen und was nicht?

Erez Galonska: Wir fokussieren uns gerade auf Kräuter und Salate, eigentlich könnte man aber alles anbauen. Letztlich ist das eine Frage des Energieverbrauchs. Man könnte theoretisch einen kleinen Supermarkt mit vier bis fünf unserer Gewächshäuser ersetzen. Je weiter die Zeit voranschreitet und sich die Technologie entwickelt, werden bei uns immer mehr Pflanzensorten hinzukommen.
 

Die erste Ernte dauert 4 bis 8 Wochen.

Wie hat sich Ihr Unternehmen seit den Anfängen verändert?

Osnat Michaeli: Wir haben uns von drei Leuten, alles totale Autodidakten, zu einem professionellen 40-köpfigen Team entwickelt. Die Vision ist allerdings dieselbe geblieben. Am Anfang haben uns unsere Freunde angeschaut, als ob wir verrückt wären. Sie dachten, wir machen vielleicht nur ein Kunstprojekt. Heute habe ich das Gefühl, dass jede Person, die ich treffe, unsere Idee eigentlich ziemlich schnell versteht. Man kann das ganz gut mit anderen Evolutionen vergleichen, die die Menschen durchgemacht haben. Beim Computer dachte zunächst auch niemand, dass sich das durchsetzt.

 

Sie sind seit der Firmengründung im gleichen Gebäude. Haben sich die Räumlichkeiten mit Ihnen entwickelt?

Osnat Michaeli: Tatsächlich ziehen wir bald mit einem Teil der Firma nach Berlin-Spandau in ein altes Fabrikgebäude um. Dort haben wir Lofts mit einer Fläche von 2000 Quadratmetern und hohen Decken. Das wird eine Art Hauptquartier und Logistikzentrum für «Urban Farming».

Erez Galonska: Uns war aber wichtig, diesen Ort in Kreuzberg so zu behalten, wie er ist. Hier hat das Farm-to-Table-Erlebnis begonnen. Man kam hier rein und war in der Zukunft. Wir wollen hier weiterhin Events für Leute veranstalten können, die sich für das interessieren, was wir machen.

 

Ein Ergebnis des Inhouse-Kräutergartens.

Wir fokussieren uns gerade auf Kräuter und Salate, eigentlich könnte man aber alles anbauen.

Ein Ausblick in die Zukunft: Wie werden wir in 10 Jahren essen?

Osnat Michaeli: Ich glaube, die Menschen werden wirklich mitentscheiden können, was angebaut wird. Es wird weniger von der Industrie dirigiert, was wir wann essen, sondern wir können das viel stärker beeinflussen. Personalisierter Anbau sozusagen.

 

Vielen Dank, Osnat Michaeli und Erez Galonska, dass Sie uns Ihre Vision der Landwirtschaft in der Stadt und Ihr System des «Vertical Farmings» näher gebracht haben. 

 

Wir haben Inform im Rahmen der Serie «Räume voller Leben» getroffen, in welcher wir inspirierende Arbeits- und Wohnräume und die Menschen dahinter vorstellen. Wir hoffen, der Artikel hat Ihnen gefallen.

 

Noch mehr über Infarm finden Sie auf ihrer Website Infarm

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