Fenster statt Wände – Isabel Ocaña mag es lichtdurchflutet

Einen Architekten zum Bruder zu haben, bot Isabel Ocaña die perfekte Gelegenheit, eine in die Jahre gekommene Wohnung in der Innenstadt Madrids ganz nach ihren Wünschen umzugestalten. Den eigenen Bruder mit dem Umbau beauftragen? Da könnte man skeptisch werden. Als leitende Accountmanagerin einer Werbeagentur verfügt die 39-Jährige zum Glück über das nötige Feingefühl im Umgang mit künstlerischen Freigeistern.

Isabel Ocaña, könnte man sagen, Ihre Wohnung und Sie, das war Liebe auf den ersten Blick?

Das Gebäude ist von 1953. Bei meinem ersten Besuch fand ich eine vollkommen abgenutzte Wohnung vor, drei Zimmer auf 50 m². Es war sofort klar, dass alles neu gemacht werden musste.

Wieso haben Sie sich dennoch entschieden, die Wohnung zu kaufen?

Die Wohnung war zwar hässlich, aber das Licht war sensationell. Durch die südöstliche Ausrichtung geht die Sonne in der Küche auf und in meinem Schlafzimmer unter. Ich hatte schon viele Wohnungen angeschaut, aber als ich diese betrat, hat mich die Lichtsituation wirklich erstaunt. Vor allem, weil die Wohnung zum Innenhof ausgerichtet ist und nicht zur Strasse. In diesem Fall ist der Innenhof jedoch riesig, dadurch kommt viel Licht rein.

So etwas findet man selten im Zentrum Madrids.

Das stimmt. Es war schwierig, eine Wohnung im Zentrum zu finden, die mein Budget nicht überstieg und die hell genug war. Es schien nahezu unmöglich. Das Licht war aber eines meiner wichtigsten Entscheidungskriterien. Wenn man übrigens aus dem Fenster schaut, zwischen den anderen Häusern hindurch, kann man sogar einen kleinen Teil des Palacio Real sehen – das liebe ich besonders an der Wohnung.

Die Wohnung war zwar hässlich, aber das Licht war sensationell.

Das Viertel, in dem Sie wohnen, ist zwar zentral, liegt aber dennoch ein wenig abseits. Vielleicht machen die steilen Strassen es ein wenig unzugänglich?

Ja, es ist eine seltsame und doch einzigartige Gegend. Nicht einmal die Taxifahrer kennen sich in diesem Viertel aus, obwohl es nicht weit von der Plaza de España, des Palacio Real und des Parque del Oeste entfernt liegt. Trotzdem wird diese Gegend wenig geschätzt und wirkt ein bisschen verlassen – obwohl ich finde, dass sich das gerade zunehmend ändert. Zum Beispiel hat sich eine Filmschule hier niedergelassen. Das wird bestimmt dazu beitragen, dass das Viertel mehr wahrgenommen wird.

Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Wohnviertel?

Ich habe verschiedene Lieblingsplätze. Zum Beispiel den Rosengarten im Parque del Oeste, ein sehr romantischer Ort, wo ich gerne spazieren gehe oder ein Buch lese. Der ägyptische Tempel von Debod ist auch sehr schön, besonders bei Sonnenuntergang. Manchmal esse ich im Café Mur zu Mittag. Es befindet sich in der Nähe der Plaza de España, ist aber etwas versteckt.

War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie Ihren Bruder mit dem Umbau der Wohnung beauftragen wollten?

Ja! Ich habe seine Projekte von Anfang an verfolgt, für mich war es daher keine Frage. Mit ihm, einem Architekten mit jahrelanger Erfahrung, zusammenzuarbeiten, hat mir dennoch auch Sorgen bereitet.
Uns trennen zwölf Jahre, ich bin seine kleine Schwester, und er ist eine sehr kreative Person, der man viel Freiheit bei der Arbeit lassen muss. Zum Glück bin ich durch meine Tätigkeit in der Agentur gewohnt, mit kreativen Menschen umzugehen und verstehe, dass Menschen wie mein Bruder einen Drang haben, sich auszudrücken. Gleichzeitig kommuniziere ich aber auch meine eigenen Ansprüche sehr klar. Es ist ein Balanceakt, mit Kreativität respektvoll umzugehen, ohne sich in die persönliche Ausdrucksart einzumischen. In diesen Situationen musst du dich darauf beschränken, zu sagen, was du als Kundin willst und welche deine Prioritäten sind. Bei Manuel habe ich es genauso gemacht: Ich habe ihm in einem dreiseitigen Briefing meine Wünsche erklärt, wobei mir Licht und Geräumigkeit besonders wichtig waren.

Welche Wünsche hatten Sie sonst noch?

Ich habe ihm auch erklärt, dass ich Weiss als Raumfarbe bevorzuge, dass Holz zu meinen liebsten Materialien zählt und dass ich Fliesen mit geometrischen Mustern mag. Ausserdem habe ich ihm einige konkrete Details zu meinen alltäglichen Bedürfnissen aufgeschrieben, beispielsweise, dass ich viele Schubladen im Badezimmer brauche und lieber eine Badewanne statt eine Dusche hätte.

Ich bin mich gewohnt mit kreativen Menschen umzugehen.

Licht als wichtigstes Kriterium: In Isabel Ocañas Wohnung gibt es Fenster statt Wände.
Weisse Wände beruhigen das Auge.
Loftcharakter auf 50 m².

Es gibt nicht viele Dekorelemente in Ihrer Wohnung.

Ich kaufe ungern Sachen, nur um den Raum zu füllen. Ich mag Weiss, weil es das Auge beruhigt. Von den ursprünglichen Zierelementen haben wir dennoch einige erhalten, den Stuck zum Beispiel, wo früher die Lampen an der Decke hingen. Der Rest besteht aus der groben Betonstruktur. Die Eingangstür haben wir innen weiss gestrichen, aber die Christusfigur an der Aussenseite wollte ich behalten.

Was hat es mit dem floralen Muster auf dem Boden auf sich?

Dieses wurde mit einer Schablone und Autolack gemacht und läuft an der Wand weiter. Manuel hat es entworfen und sich dabei von einem Tattoo inspirieren lassen. Ich dachte mir, das wäre ein interessantes Detail für eine Wohnung, die sonst einen industriellen und geometrischen Stil hat. Auch wenn ich es sonst eher clean mag, fand ich, dass diese Verzierung dem Rest einen besonderen Touch verleiht.

 

Buchregal und Ausblick aus dem Fenster.

Die Lampen sind eher nüchtern, haben aber eine starke visuelle Wirkung.

Sie sind auch ein Design von Manuel. Die freistehende Säule brachte ihn auf die Idee, zwei Metallstäbe herausragen zu lassen und die Kabel locker darum zu wickeln.

Holz zählt zu den Lieblingsmaterialien von Isabel Ocaña.

Die Idee mit den Glaswänden fand ich von Anfang an toll.

Über Ihrem Bett haben Sie eine Neon-Anzeige, auf der «Paraisa» steht. Was bedeutet das?

Es ist ein Wortspiel. Ich heisse Isa, also ist der Name der Wohnung «Para-Isa» (für Isa). Ausserdem ist es eine Anspielung auf mein persönliches Paradies. Paraíso ist das spanische Wort für Paradies.

Wie entstand die Idee der Glaswände?

Auch dies war Manuels Einfall, und ich fand ihn von Anfang an toll, da mir die Idee eines Lofts sehr gefällt. Da ich alleine wohne, habe ich keinen Grund, mich beobachtet zu fühlen. Zudem könnte ich jederzeit Vorhänge anbringen. Aber ehrlich gesagt, finde ich es toll, wie es ist.

Die Verarbeitung der Fensterelemente ist sehr grob, man kann beispielsweise die Schweissnähte noch gut sehen.

Ja, Manuel mag es, wenn man das Handwerk erkennen kann, auch wenn ansonsten jeder Zentimeter dieser Wohnung genau durchdacht und designt wurde. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Auch die Betonsäulen sichtbar zu lassen, war seine Idee. Er hat etwas gegen die «Fettschichten» einer Wohnung, wie er sie nennt. Sie verbergen, wie etwas hergestellt wurde.

Ein Wortspiel an der Wand: Die Leuchtschrift im Schlafzimmer bedeutet so viel wie «Isas Paradies».
Freigelegte Betonsäulen und Schweissnähte: Das Handwerk darf sichtbar sein.

Und wenn Sie sich doch einmal zurückziehen möchten?

Hinter der Küche befindet sich ein kleines Zimmer, das einzige, das vom Rest der Wohnung getrennt ist. Das war mein Wunsch. Noch wohne ich allein, aber das kann sich eines Tages ändern. Momentan benutze ich das Zimmer als kleines Büro, aber man könnte es auch in etwas anderes verwandeln.

Unweit von Isabel Ocañas Wohnung: der Tempel von Debod im Parque del Oeste.
Rosengarten im Parque del Oeste.
Spaziergang durchs Viertel.

Vielen Dank, Isabel Ocaña, dass Sie uns die Tür zu Ihrer Wohnung geöffnet und uns Einblick in Ihre Lebenswelt gegeben haben.

Text: Ana Domínguez Siemens (@la_opinionista)
Fotografie: Adrián Cano Franco
Produktion: FvF Productions UG

Wir haben Isabel Ocaña im Rahmen der Serie «Räume voller Leben» getroffen, in welcher wir inspirierende Arbeits- und Wohnräume und die Menschen dahinter vorstellen.