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Bei Gwen und Gawie Fagan in Kap­stadt geben sich die Berge und das Meer die Hand

Bei Gwen und Gawie Fagan in Kap­stadt geben sich die Berge und das Meer die Hand

Gawie Fagan gehört zu den berühmtesten Architekten Südafrikas. Seine Gattin Gwen hat als Wissenschaftlerin und Landschaftsplanerin massgeblich zur Arbeit von Gawie beigetragen. Wir haben das Paar, das schon seit 70 Jahren gemeinsam durchs Leben geht, in seinem selbst geplanten und gebauten Haus an der Atlantikküste besucht. Die Fagans erzählen von ihrer ersten Begegnung, den beruflichen Anfängen, den Herausforderungen, welche die Vereinbarung von Familie und Arbeit mit sich brachte und von ihrer Leidenschaft für Architektur und Pflanzen.

Von Weitem gleicht das Haus in Camps Bay an der Atlantikküste Kapstadts eher einer kleinen Farm inmitten eines Naturreservats. Je nach Blickwinkel hat es die Berge oder das Meer als Kulisse. Erbaut und eingerichtet wurde es vom renommierten Architektenpaar Gawie und Gwen Fagan, ihrem Sohn und ihren drei Töchtern.

Gawie Fagan ist einer der bekanntesten Architekten Südafrikas. Seine Ideen, die Architektur mit der natürlichen Umgebung zu verbinden, waren revolutionär. Gwen hatte als historische Wissenschaftlerin und Landschaftsplanerin jahrelang massgeblichen Anteil an der Arbeit von Gawie. Gemeinsam teilen sie die Leidenschaft, neue Gebäude zu planen und alte zu restaurieren. Ihre Karriere dauert schon über 70 Jahre, seit 65 Jahren sind sie ein Ehepaar.

Dieses Wellendach gibt es vermutlich nur einmal auf der Welt.

Das Haus der Fagans vor imposanter Bergkulisse.
Das Haus der Fagans vor imposanter Bergkulisse.

Gwen und Gawie, wie haben Sie sich kennengelernt?

Gwen: Meine Mutter starb an Krebs, als ich 18 Jahre alt war. So kam ich nach Kapstadt, wo ich mein zweites Studienjahr begann. Dort habe ich Gawie getroffen.

Was gab den Ausschlag dafür, dass Gawie und Sie zusammenarbeiteten?

Gwen: Ein schlimmes Erdbeben. Es ereignete sich 1969 in der Provinz Westkap. Gawie war im Vorstand des Institute of Architects und wurde zur Beurteilung der Schäden an wichtigen Gebäuden entsandt. Er beschloss, alles Geld, das für das Projekt gesprochen wurde, für eine einzige Stadt einzusetzen, für Tulbagh. Ich wurde als seine Mitarbeiterin eingestellt. Wenn er nicht nach Tulbagh gehen konnte, um sich vor Ort Notizen zu machen, tat ich das für ihn: So kam ich in sein Büro. Er fand, ich sei eine grosse Hilfe, und so blieb ich da und bin es immer noch. Ich bin für die Landschaftsgestaltung und die Inneneinrichtung zuständig. Daneben führe ich Forschungsarbeiten durch. Wenn wir an einem historischen Gebäude arbeiten, kümmere ich mich um den geschichtlichen Hintergrund. Um mich zu spezialisieren, begann ich eine Zusatzausbildung, die ich 1995 mit dem Doktor in Landschaftsdesign abschloss. Das verschaffte mir mehr Autorität.

Die erste Skizze unseres Hauses zeichnete Gawie auf eine Zigarettenschachtel, da er kein Papier bei sich hatte.

Gawie, Sie haben die südafrikanische Architektur stark beeinflusst. Wie hat das alles begonnen?

Gawie: Ich war bei der Bank Volkskas als Architekt angestellt.

Gwen: Die Volkskas baute damals überall im Land kleine Afrikaans-Banken. In zehn Jahren plante Gawie 50 Bankgebäude von Grund auf.

Und Ihre Karriere, Gwen, wie hat die begonnen?

Gwen: Bevor ich mit Gawie zusammenarbeitete, war ich Ärztin und arbeitete Vollzeit im Militärspital Pretoria, während wir zu Hause eine Farm betrieben und Gawie für die Volkskas arbeitete.

Vom lichtdurchfluteten Wohnraum führt eine scheinbar schwebende Treppe hinauf zur oberen Etage.
Der Wohnzimmertisch lädt zum Stöbern ein.

Wie schafften Sie das mit Ihrer jungen Familie?

Gwen: Ich habe meine Kinder nie zu Hause gelassen. Ich habe sie überallhin mitgenommen, und als sie gross genug waren, brachte ich sie in eine Kinderkrippe. Wir fingen an, uns sehr für Landwirtschaft zu interessieren, fanden Freude an der Haltung von Kühen. Es wurden mehr und mehr, und am Schluss hatten wir jeden Tag 18 Kühe zu melken. Wir standen jeweils früh am Morgen auf, um sie zu melken, und wenn wir von der Arbeit zurückkamen, melkten wir sie noch einmal.

Gawie: Wir hatten nie ein freies Wochenende.

Gwen: Zu jener Zeit war Bio-Landwirtschaft in Südafrika noch kein Thema.

Gawie kaufte sich ein Flugzeug, weil seine Arbeit mit dem Auto nicht mehr zu bewältigen war.

Eines der Architekturmodelle der Fagans.
Das Ehepaar in seinem umfangreichen Archiv.

War Gawie oft zu Hause?

Gwen: Er musste. Gawie kaufte sich ein Flugzeug, weil seine Arbeit mit dem Auto nicht mehr zu bewältigen war.

Gawie: Ich musste extrem viel reisen. Mit der Zeit hatten wir landesweit fast 200 Filialen, und die Bank hatte damals diese grossen amerikanischen Autos. Oft war aber kein Dienstfahrzeug frei und wir mussten unsere Privatwagen nehmen. Dafür erhielten wir pro Meile neun Pennies. Da ich jeweils die halbe Woche weg von zu Hause war, sagte ich einmal zum Generaldirektor, dass ich gerne ein Flugzeug hätte, was er sehr lustig fand.

Gwen: Gawie hatte als Student seinen Pilotenschein gemacht.

Gawie: Ich hatte als Pilot also schon ziemlich viel Erfahrung. Der Direktor lachte aber und sagte: «Vergiss es!» Er hielt meinen Vorschlag für einen Witz. Ich hielt aber dagegen: «Okay, ich kaufe mir ein Flugzeug. Sie leihen mir das Geld dafür und bezahlen mir neun Pennies pro Meile.» In vier Jahren war das Flugzeug amortisiert. Es war ein super Flugzeug, ein Tri-Pacer, ein richtiges Arbeitstier.

An Ihren architektonischen Werken zeigen sich Ihr profundes Know-how und Ihr Materialverständnis. Wie sieht ein typisches Fagan-Gebäude aus?

Gwen: Ich würde sagen, Gawies Arbeit ist sehr erfinderisch. Er kopiert nie andere Werke, sondern lässt sich inspirieren. Wie bei diesem Haus, das wir selber gebaut haben. Wir kauften das Grundstück. Gawie sass im Flugzeug, als er sich überlegte, wie das Haus aussehen sollte. Er hatte damals kein Papier bei sich. Vom Mann, der neben ihm sass, bekam er eine Zigarettenschachtel, auf die er das Haus skizzierte. Immer, wenn wir uns Gedanken über die Grössenverhältnisse machten, diente uns diese Zigarettenschachtel als Orientierungshilfe.

Mit dem Bau Ihres Hauses «Die Es» (dt. «Der Herd») begannen Sie 1964. Weshalb sind Sie nach Camps Bay gezogen?

Gwen: Wir hatten Freunde, die auf dem Nachbargrundstück lebten. Es war ein offenes Grundstück, und sie sagten: «Kauft doch dieses Land.» Es gab nicht viele solcher offenen Grundstücke. Unseres grenzt an ein Naturreservat, das bis zum Meer reicht.

Gawie: Vor unserem Haus wird nie jemand bauen.

Zu den Merkmalen Ihres Hauses gehören das unkonventionelle Dach, das sich wie eine Welle aus dem Ozean erhebt, der grosse Kamin, die Aussicht...

Gwen: Dieses Wellendach gibt es vermutlich nur einmal auf der Welt. Es besteht aus Holzlatten. Auch die kleinen Steine auf dem Durchgang habe ich selbst verlegt, das bedeutet mir viel. Das Haus steht mit der Rückseite zum heulenden Wind, der vom Tafelberg herunterkommt.

Gwen, ich habe gehört, Sie sammeln Pflanzen.

Gwen: Ich bin eine leidenschaftliche Sammlerin historischer Rosensorten. Im Garten des «Tuinhuis», einem Regierungsgebäude in Kapstadt, gab es Rosen vom Beginn der 1880er-Jahre. Wir restaurierten damals das «Tuinhuis» und den Garten. Ich führte Nachforschungen über alte Rosen durch: wie sie ans Kap gekommen waren, wo sie angepflanzt wurden und welche Pflege sie brauchten. Daraus wurde eine Leidenschaft. Schliesslich beschloss ich, ein Buch über meine Erkenntnisse zu veröffentlichen.

Wie lange dauerten Ihre Forschungen?

Gwen: Etwa acht Jahre. Das Buch kam 1988 heraus. 1974 waren wir mit der Restaurierung des «Tuinhuis»-Gartens fertig. Ich bat Gawie, Fotos für die Illustrationen zu machen, denn er ist ein sehr guter Fotograf. Das Buch wurde im Grossformat herausgegeben, sodass die Leser die Rosen in ihrer ganzen Grösse sehen.

Gawie: Das bestimmte die Grösse des Buches. Deshalb mussten wir es auch selbst herausgeben.

Gwen: Ja, kein Verlag gibt ein so grosses Buch heraus. Also verkauften wir einige Aktien und gründeten unser eigenes Verlagshaus.

Bereits als Kind entdeckte Gwen Fagan ihr Interesse an Pflanzen: «Ich bin eine leidenschaftliche Sammerlerin historischer Rosen. Daneben sammle ich Sukkulenten und Lithops, lebende Steine.»

Gwen, was war der Auslöser für Ihr Interesse an der Landschaftsgestaltung?

Gwen: Ich wuchs als kleines Mädchen auf einer Farm in Moorreesburg in der Karoo auf. Wir waren also mit der täglichen Arbeit auf einer Farm vertraut. Meine Mutter war ein Afrikaans-Bauernmädchen und eine sehr gute Sängerin. Sie studierte Gesang in Stellenbosch und ging dann als Lehrerin nach Upington. Ihr Vater sah sie bereits als Lehrerin in London, deshalb drängte er sie dazu, ihr Studium in London weiterzuführen. Während ihrer Zeit in Upington lernte sie jedoch einen Mann kennen, den sie heiraten wollte. Er war bereits einmal verheiratet gewesen und hatte ein Kind. Sie erzählte ihrem Vater von ihrer Absicht, doch er sagte: «Du kannst diesen Mann nicht heiraten. Er ist Engländer, das ist unmöglich.» Doch sie insistierte, bis ihr Vater schliesslich einwilligte: «Okay, aber nur unter einer Bedingung: Du gehst nach London, er bleibt hier. Wenn du deinen Abschluss gemacht hast, kannst du zurückkommen und ihn heiraten.» Und so geschah es. Sie kam zurück, heiratete und brachte mich zur Welt.

Gwen Fagan in ihrem Garten.
Gwen Fagan in ihrem Garten.

Mein Grossvater sagte zu meiner Mutter: 'Du kannst diesen Mann nicht heiraten. Er ist Engländer, das ist unmöglich.'

Doch eines Tages ging ihr Mann weg, um eine Konzerttour zu organisieren, und kam nicht mehr zurück. Von Freunden vernahm sie, dass er mit einer anderen Frau zusammen war. Dann hörte sie, dass er das Land mit all ihrem Geld verlassen hatte. Als ihr Bruder davon erfuhr, sagte er: «Du kommst sofort auf die Familienfarm zurück. Du kannst das Kind nicht grossziehen. Ich ziehe es auf, bis es acht Jahre ist, dann kannst du dich wieder um das Mädchen kümmern.» Gesagt, getan. Also lebte ich bei ihm, und als ich acht Jahre alt war, kehrte ich nach Stellenbosch zu meiner Mutter zurück. Wir wohnten in einem Zimmer über einem Laden. Ich bat den Ladeninhaber, mir etwas Platz im Hinterhof zu geben. Dort legte ich einen Garten an. Das war mein erster Kontakt mit dem Gärtnern. Wir assen oft Gemüse aus unserem Garten. Der Kontrast zwischen den beiden Lebensformen war so gross, dass ich ein Buch darüber geschrieben habe.

Was sammeln Sie sonst noch ausser Rosen?

Gwen: Sukkulenten, und ich habe eine wunderschöne Sammlung von Büchern über Rosen, wie Sie sehen.

Gawie: Architekturbücher.

Gwen: Ich sammle auch Lithops, lebende Steine, sie sind alle in der Küche. Die Pflanzen spalten sich in der Mitte und aus dem Spalt kommt eine Blüte. Deshalb nennt man sie auch Babypopo. Ich habe als kleines Mädchen angefangen, sie zu sammeln. Wie Sie sehen, habe ich aber auch ziemlich viele Keramikobjekte. Ich liebe die Werke von Esias Bosch.

Unsere Büroangestellten gehen um 17 Uhr nach Hause, aber wir arbeiten oft noch länger, damit nichts liegen bleibt.

Wie sieht ein normaler Tag bei Ihnen aus?

Gwen: Jetzt, wo ich älter bin, koche ich nicht mehr so gerne. Deshalb gehen wir mittags in den «Royal Cape Yacht Club» essen. Abends koche ich nicht gross, dann essen wir nur etwas Kleines. Unsere Büroangestellten gehen um 17 Uhr nach Hause, aber wir arbeiten oft noch länger, damit nichts liegen bleibt. Dann kommen wir nach Hause und das wars. Gawie liest gerne die Zeitung. Er liest alles und kreist die Fehler, die er findet, ein. Ich lese gerne Bücher, egal welche. Dann schauen wir uns die Nachrichten und einen interessanten Film an. Normalerweise gehen wir etwa um 22.30 Uhr schlafen. So sehen alle Tage aus. Am Wochenende treffen wir uns mit den Kindern. Am Sonntag koche ich meistens und sie kommen alle zu uns. Am Wochenende arbeiten wir nicht.

Was gefällt Ihnen am besten an Kapstadt?

Gawie: Zum Leben gibt es keine schönere Stadt. Wir fühlen uns sehr privilegiert: Wenn wir aus dem Büro über den Hügel fahren, sehen wir das Meer. Es ist eine komplett andere Welt. Dann sage ich zu Gwen: «Gott sei Dank sind wir hier.»

Gwen und Gawie Fagan, vielen Dank für dieses inspirierende Gespräch.

Die Fagans können auf 65 Jahre Ehe und 70 Jahre Karriere zurückblicken.

Fotos: Desmond Louw & Antonia Heil

Interview & Text: Antonia Heil

Produktion: FvF Productions UG

 

Wir haben Gwen und Gawie Fagan im Rahmen der Serie «Räume voller Leben» getroffen, in welcher wir inspirierende Arbeits- und Wohnräume und die Menschen dahinter vorstellen.