Lagom: das Glück im Genug finden
Nicht zu viel, nicht zu wenig – gerade richtig: Lagom ist die schwedische Kunst der Balance. Im Interview erklärt die Expertin Sandra Hetzler, wie dieses Prinzip zu Hause und am Arbeitsplatz spürbar wird – mit kleinen Ritualen, bewussten Entscheidungen und Räumen, die guttun.
Wie würden Sie das Konzept Lagom jemandem erklären, der oder die noch nie davon gehört hat?
Lagom ist ein schwedisches Wort und bedeutet so viel wie: nicht zu viel, nicht zu wenig – gerade richtig. Eine direkte Übersetzung gibt es nicht, aber man kann es als Lebenshaltung verstehen, die auf Ausgeglichenheit zielt. In Schweden gilt Lagom sogar als eine Art Glücksformel: Wer Balance im Alltag findet, lebt zufriedener und gelassener. Es geht darum, in allen Lebensbereichen ein stimmiges Mass zu finden – beim Wohnen, Essen, bei der Arbeit oder im Umgang mit Zeit und Energie. Dazu gehört auch Nachhaltigkeit: Ressourcen wertschätzen, Qualität über Quantität stellen und im Einklang mit der Natur leben. Anstatt Extremen nachzujagen, lädt Lagom ein, das Glück im Genug zu entdecken.
Ist Lagom eher ein Gefühl oder eine Haltung?
Beides. Lagom ist zum einen das Empfinden von Stimmigkeit und Ausgeglichenheit – das Gefühl, wenn etwas passt. Gleichzeitig ist es eine Haltung, die wir bewusst wählen können: im Umgang mit uns selbst, in Beziehungen und bei Entscheidungen im Alltag.
Worin unterscheidet sich Lagom konkret vom bekannteren Hygge?
Hygge steht für Gemütlichkeit, Wärme und den Moment des Wohlbefindens – die Freude am Zusammensein in behaglicher Atmosphäre. Lagom hingegen ist umfassender und ganzheitlicher: Es prägt alle Lebensbereiche – vom Wohnen über Ernährung, Beziehungen, Arbeit bis hin zum Umgang mit Ressourcen.
Weshalb fasziniert Sie dieses Konzept?
Mich begeistert Lagom, weil es umfassend ist und meiner Vorstellung von Balance entspricht. In Skandinavien habe ich erlebt, wie wohltuend helle, klare Räume, natürliche Materialien und reduzierte Farben wirken: Sie schaffen sofrt uhe und Klarheit. Auch Alltagsrituale wie das Fika, die bewusste gemeinsame Kaffeepause, beeindrucken mich: Sie stärken Gemeinschaft und fördern Gelassenheit. Ebenso inspiriert mich das Prinzip, wenige, hochwertige Kleidungsstücke zu besitzen, die vielseitig kombinierbar sind – nachhaltig und praktisch zugleich. Diese Haltung gebe ich weiter: durch kreatives Gestalten, achtsame Reflexion und den bewussten Umgang mit Ressourcen – damit Menschen spüren, wie kleine Schritte ihre Lebensqualität steigern und gleichzeitig einen positiven Beitrag zum grossen Ganzen leisten.
Welche Rolle spielt das Zuhause für Wohlbefinden und Alltagszufriedenheit?
Ein ausgewogen gestaltetes Zuhause schafft Klarheit, Ruhe und Geborgenheit. Helle Räume, natürliche Materialien, reduzierte Farben, Pflanzen und liebevoll ausgewählte Details fördern Ausgeglichenheit und Leichtigkeit. Wohlbefinden entsteht nicht durch Überfluss, sondern durch Klarheit, Struktur und achtsame Auswahl.
Welche Gestaltungsprinzipien machen eine Wohnung «lagom»?
Eine Lagom-Wohnung ist hell, funktional, warm und lebendig. Es geht nicht um Minimalismus um jeden Preis, sondern um bewusst ausgewählte Dinge, die Freude bereiten. Qualitativ hochwertige Möbel und Dekoelemente, ausreichend Stauraum, gut organisierte Abläufe und Platz zum Entspannen fördern Ausgeglichenheit. So entsteht eine harmonische Atmosphäre, in der man Energie schöpfen kann.
Was raten Sie Mieterinnen und Mietern mit begrenztem Budget?
Lagom funktioniert ohne bauliche Veränderungen und mit kleinem Budget, weil es um Balance und Bewusstsein geht. Weniger ist mehr: Entrümpeln, aussortieren und nur Dinge behalten, die Freude bereiten – das schafft sofort Ruhe. Möbel umstellen, Pflanzen sowie Textilien und ausgewählte Dekoelemente hinzufügen: Kleine Veränderungen wirken oft stark.
«Ein ausgewogen gestaltetes Zuhause schafft Klarheit, Ruhe und Geborgenheit.»
Lagom-Check fürs Zuhause
- Fühle ich mich in jedem Raum wohl, entspannt und präsent?
- Gibt es genügend Licht, Luft und natürliche Elemente?
- Ist die Einrichtung klar strukturiert, ohne Überflüssiges?
- Unterstützen Möbel, Dekoration und Pflanzen meinen Alltag und mein Wohlbefinden?
- Spiegelt der Raum meine Werte wie Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und Balance wider?
«Lagom wirkt nur dann, wenn es authentisch gelebt wird.»
Wie können Immobilienanbieter und Verwaltungen Lagom in Gemeinschaftsbereichen fördern?
Indem sie Räume schaffen, die Ausgewogenheit, Ruhe und Begegnung ermöglichen. Kleine Rituale und klar strukturierte Aufenthaltsbereiche fördern Zusammenhalt. Funktionalität ist entscheidend: Ausreichend Sitzgelegenheiten, Stauraum und einfache Zugänglichkeit schaffen Komfort, ohne den Raum zu überladen.
Welche Rolle spielen Nachbarschaft und klare Regeln, damit sich Lagom im Haus und im Quartier entfalten kann?
Nachbarschaft lebt von Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein. Balance entsteht nicht nur im eigenen Zuhause, sondern auch im Miteinander: Wer aufeinander achtet, gemeinsame Räume respektiert und zuhört, schafft von selbst eine angenehme Atmosphäre. Anstatt strenger Regeln sorgen Absprachen für Orientierung, ohne das Zusammenleben einzuschränken. Gemeinsame Treffen oder Pausen fördern Vertrauen und Zusammenhalt. Wer Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für andere übernimmt, erlebt ein Quartier, in dem Gemeinschaft und Freiraum harmonisch zusammengehen – ein echtes Lagom-Erlebnis.
Wie lässt sich Lagom auf Büro- und Gewerbeflächen übertragen?
Lagom bedeutet auch am Arbeitsplatz funktionale, klar strukturierte und zugleich einladende Räume, die Konzentration und Wohlbefinden fördern. Flexible Arbeitszonen, Rückzugsmöglichkeiten und klare Abläufe vermeiden Stress. Kurze Pausen oder kleine gemeinsame Momente stärken Teamzusammenhalt und Kreativität. Lagom steigert Konzentration, erleichtert Zusammenarbeit und trägt zur Erholung bei – ohne starren Minimalismus, dafür ausgewogen und atmosphärisch.
Inwiefern ist Lagom kulturell geprägt – und was gilt es beim Übertragen auf andere Länder zu beachten?
Lagom ist tief verwurzelt in der schwedischen Lebensart. Beim Übertragen geht es nicht darum, alles 1:1 zu kopieren, sondern die Prinzipien behutsam an lokale Lebensweisen, räumliche Gegebenheiten und persönliche Bedürfnisse anzupassen. Lagom wirkt nur dann, wenn es authentisch gelebt wird – ohne Druck und ohne aufgesetzte Vorgaben. So bleibt Lagom universell umsetzbar und eine natürliche, spürbare Lebenshaltung.
Welche Faktoren beeinflussen laut Forschung das Glücksempfinden heute am stärksten?
Laut «World Happiness Report» sind das soziale Unterstützung, Einkommen, Gesundheit, Freiheit, Grosszügigkeit und die Abwesenheit von Korruption. Besonders entscheidend sind stabile Beziehungen zu Familie und Freunden sowie die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Wichtig ist auch, wie Ressourcen genutzt werden: für Erfahrungen statt reinen Konsum.
Hat die Bedeutung des Zuhauses in den letzten Jahren zugenommen?
Ja. Menschen, die sich in ihrem Zuhause wohlfühlen, sind insgesamt zufriedener.
Wenn Sie einen einzigen, konkreten Rat geben müssten, um im Alltag mehr Ausgeglichenheit und Glück zu kultivieren: Womit sollte man beginnen?
Beim Mindset: reflektieren, bewusst entscheiden und Prioritäten setzen – das beeinflusst direkt, wie wir Räume, Beziehungen und Alltag erleben. Innen wie aussen. Wer auf Balance, Wertschätzung und Achtsamkeit achtet, kann kleine Veränderungen in Umgebung und im Miteinander viel wirkungsvoller umsetzen.