Auf Knien in der Erde wühlen war früher – der moderne Gärtner arbeitet vollvernetzt und digital. Und sät und mäht und giesst und erntet übers Netz. Die Digitalisierung verschafft den Pflanzen über Sensoren eine Stimme – und mehr Liegestuhlzeit für seine Besitzer.

 

Wer keinen Garten vor der Haustür hat, kann einen in der Ferne steuern. IPGarten nennt sich die Idee. Im dünnbesiedelten Nirgendwo der deutschen Provinz, auf den Feldern von Warnau, im Bundesland Sachsen-Anhalt, steht der vielleicht erste komplett ferngesteuerte Gemüsegarten der Welt. Die Parzellen hier heissen «Gurkzilla Island», «Weltverbesserungs-Testanlage» und «Ernesto Che Gemüse». 16 grün-braune Rohre ragen dazwischen hinauf, an denen auf allen Seiten Kameras, Lichter und Bewässerungsventile montiert sind. An einer der Säulen geht das Licht an.

Angeknipst hat es Martin Kruszka, der 101 Kilometer entfernt am Schreibtisch sitzt, in einer ehemaligen Fabrik in Berlin. Seine Werkzeuge sind nicht Harken und Spaten, sondern die Maus und der Bildschirm. Er gibt die Befehle im Bürostuhl, die eigentlichen Arbeiten wird später ein Bauer ausführen. Ein großer Vorteil ist, dass das Team in der Projektierungsphase und in der Testphase 2017 alle Arbeiten selbst verrichtet hat und sich somit bestens auskennt.

Erfolgreicher Gärtner ohne grünen Daumen

Kruszka ist ein Pionier der Gartendigitalisierung. Den Ferngarten hat er sich ausgedacht, weil er weder einen grünen Daumen noch viel Zeit hat. Trotzdem wollte er sein Gemüse selbst erzeugen. «Ich habe dieses Grundstück vor 25 Jahren gekauft und vor ein paar Jahren das erste Mal Zucchini gesät»», erzählt er. «Als ich nach Monaten das nächste Mal Zeit dafür fand, wuchsen da Unmengen.» Mit riesigen Zucchini und einer Idee fuhr er zurück in die Grossstadt. Die Zucchini kochte er ein, aus der Idee machte er ein Unternehmen: Einen Garten, den Grossstadtbewohner aus der Ferne steuern können.

Zusammen mit drei weiteren Partnern und zwei Investoren gründete er IPGarten und entkräftete damit die üblichen Ausreden hinsichtlich eines eigenen Gartens: «Wir lösen das Problem, dass Städter kaum Platz und Zeit für einen Garten haben», sagt Kruszka. «So können auch sie sich mit Lebensmitteln versorgen.»

Martin Kruszka (links) ist ein Pionier der Gartendigitalisierung. Auf dem Bild ist er mit Torsten Hütter vor dem Ausgabe-Container auf dem Fabrik-Parkplatz zu sehen.

Tastatur statt Spitzhacke

Der komplett digitale IPGarten steht damit nur für einen Weg, wie die Digitalisierung das Gärtnern verändert. Auch in vielen analogen Kleingärten ist der prüfende Finger im Beet dem Blick aufs Handy gewichen. Alles, was Arbeit im Garten macht, kann, falls gewünscht, schon die Technik übernehmen: Mähroboter nutzen künstliche Intelligenz, GPS und Ultraschallsensoren für den optimalen Weg über den Rasen, Apps sammeln Daten und senden Informationen zu jedem Strauch und jeder Staude an das Smartphone. Mit dem Kleingarten fällt eine der letzten analogen Bastionen des Alltags. Die Digitalisierung ist dabei, die analoge Parzelle in einen smarten Greenspace zu verwandeln.

Beim digitalen Gärtnern zeigt die Technik an, wenn der Boden trocken ist oder gedüngt werden muss. Temperatur- und Lichtsensoren geben vor, wo Pflanzen stehen und was sie brauchen. Der persönliche Pflanzenassistent gibt Tipps zu Pflege und Ernte. Das intelligente Bewässerungssystem reagiert auf den Druck eines Buttons in der App aus der Ferne. Der Kleingärtner hat plötzlich mehr Daten über seine Pflanzen als über sein eigenes Laufverhalten. Mit etwas Optimierung kann auch aus jeder kleinen Fläche ein Gemüseparadies werden.

 

Die Menschen in der Stadt haben kaum Platz und Zeit für einen Garten

Mit der Maus in den Zucchini

Die 16-Quadratmeter-Parzellen des IPGartens sind standardmässig mit drei Kartoffelsorten bepflanzt. Dazu kommen Knoblauch, Zwiebeln, Kohl, Blumen und Kräuter, die die Hälfte der Fläche ausmachen. Den Rest kann man individuell gestalten. Sind Kartoffeln oder Karotten reif, werden sie von einem Gärtner geerntet und nach Berlin gefahren. In Berlin liegen die Kosten für private Kunden aktuell bei 395 Euro. Firmenkunden zahlen mit 480 Euro etwas mehr. Die Pächter dürfen ihre Gärten jedoch nicht physisch beackern. «Das wäre ja nicht mehr ökologisch, wenn jetzt alle rausfahren würden», sagt Kruszka.

Theoretisch könnte man so eine Parzelle auch von der Schweiz aus steuern. Es ist dann aber eher kontemplatives Vergnügen, denn die Ernte von Kunden, die sich weit entfernt befinden oder die in den Ferien sind, kommt der Berliner Obdachlosenhilfe zugute. «Wir verschicken nicht. Das würde ja der Regionalität widersprechen», sagt Kruszka. Eine Expansion schliesst er jedoch nicht aus – auch aus Asien gebe es grosses Interesse.

Das Startup IPGarten bietet bereits einen Autopiloten – buchbar als kostenpflichtiger Service. Bleibt nur zu hoffen, dass die Erholung nicht zu kurz kommt, wenn sich der Gärtner aus dem eigenen Garten wegrationalisiert, weit weg von Vogelstimmen und schweisstreibender Harke.

In sieben Schritten zum digitalen Gartenglück

1. Zum Üben eignen sich entweder eine Parzelle im IPGarten (siehe Text oben) oder eine Biofarm auf dem Balkon, wie der platzsparende, halbautomatischen Kleingarten des Startups «Geco-Gardens». Das sind Kleingartensysteme für den Balkon.

2. Sie wollen sich einen richtigen Garten zulegen? Apps wie «GrowVeg» helfen bei der Planung. Pflanzen lassen sich ohne Schlepparbeit schon einmal auf die virtuelle Fläche schieben. Gute Apps geben Tipps zu Standort und Fruchtfolge. Eine Alternative sind Planungstools wie «Gardenplaner», die es aber nur auf Englisch gibt.

3. Ein Rasenmähroboter ist Pflicht, am besten einer mit Sensoren, die bei Regen das Mähen unterbrechen und auch Igel und Haustiere erkennen, die sich ihm nähern. Zum Beispiel von Hersteller Gardena.

4. Bewässerungssensoren für Pflanzen sind praktisch, vor allem wenn sie mit Solarenergie arbeiten. Ob man den Sensoren die Macht gibt, selbst über Bewässerung zu entscheiden, muss jede smarte Gärtnerin und jeder kundige Gärtner selbst wissen.

5. Eine wasserdichte Webcam erhöht den Spass beim Ferngärtnern. Und eine Bordkamera auf dem Mähroboter ist das Nonplusultra. Am Besten mit ansteuerbarem LED-Strahler für nächtliche Erkundungsfahrten.

6. Für die Datenanalyse eignen sich Apps wie «GreenIQ» oder My Garden. Wichtig: Teilen Sie Ihre Erfolge in den sozialen Netzwerken!

7. Bleiben Sie innovativ! Auf Plattformen wie Kickstarter und Startnext gibt es regelmässig neue Garten-Gadgets, ob neue Pflanzcontainer, Bewässerungslösungen oder Sensoren.

Fotos: IP Garten