Zeitlosigkeit in Perfektion

Barcelona ist nicht nur bekannt für seinen Reichtum an Kultur- und Kunstschätzen. Die Stadt ist auch beliebt wegen ihrer hohen Lebensqualität, die sie ihren Einwohnern bietet. Unzählige Künstler lassen sich von ihrer Schönheit inspirieren. Auch wenn sie nur für ein Jahr kamen, konnten viele dem Zauber der Stadt nicht widerstehen und liessen sich ganz hier nieder. Die Designerin und Unternehmerin Carolina L. Iriarte ist eine davon.

Carolina zog 2006 für ein weiterführendes Studium nach Barcelona. Nach dem Abschluss in Fine Arts, Art Direction & Set Design in Buenos Aires wollte sie ihre Ausbildung an der bekannten Kunstschule Massana fortsetzen. Dazu kam es jedoch nie. Sie fand einen Job bei einem lokalen Schuhdesigner, erlernte das Handwerk in drei Jahren und verfeinerte danach ihre Fertigkeiten. 2009 machte sie sich selbstständig und begann, ihre individuellen handgefertigten Ledertaschen zu entwerfen.

Carolina arbeitet vor allem mit ihren Händen und gestaltet so einzigartige Taschen, alles Unikate. Sie sind von einer Qualität, die man bei neuen Lederwaren kaum mehr findet, sondern fast nur noch bei Vintage-Artikeln. Ihr Projekt mit dem Namen «Iriarte Iriarte» hat sich rasch international einen Namen gemacht und wächst stetig weiter. Ihr Studio mit Showroom befindet sich an der Plaza Real im Zentrum von Barcelona. Die Plaza ist so etwas wie ein Fenster zur Welt. Täglich überqueren unzählige Menschen aller Gesellschafts- und Altersschichten und Nationalitäten den Platz. Sie sind ein unablässiger Strom von Energie und eine Quelle der Inspiration für Carolinas Kollektionen. Der neu gestaltete Shop erstrahlt im warmen Licht Barcelonas, das die Taschen auf den sorgfältig ausgewählten antiken Möbelstücken perfekt zur Geltung bringt. Der offene Raum ist geprägt von Einfachheit und Eleganz.

Ein Studium führte Caroline Iriarte von Buenos Aires nach Barcelona.

Carolina, wie kam es dazu, dass Sie sich für eine so breite und vielfältige Ausbildung entschieden?

Ich habe an der Universität von Buenos Aires Bildende Kunst studiert und parallel dazu eine Ausbildung in künstlerischer Leitung absolviert. Am Teatro Colón konnte ich zusätzlich an einem brillanten Szenographie-Workshop teilnehmen. So war ich den ganzen Tag absorbiert, der Kurs war sehr intensiv. Nach Abschluss meiner Studien zog ich dann nach Barcelona, wo ich drei Jahre lang bei einem Schuhdesigner arbeitete.

In dieser Zeit verlor ich meine Angst vor Unbekanntem und Tätigkeiten, in denen ich noch keine Erfahrung hatte. Der Designer, bei dem ich arbeitete, machte alles: Er schnitt zu, nähte, färbte, führte Gespräche mit den Kunden und internationalen Läden, erledigte die Korrespondenz, nahm Bestellungen entgegen und bereitete seine Auftritte an der Pariser Modewoche vor.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man so jung schon Unternehmerin ist?

Man wächst mit seinen Projekten. Es kann sehr lohnend sein, im jungen Alter etwas ganz selbstständig und ohne Chef zu tun, was man sehr gerne macht. Zuerst ist es schwierig, weil man vor vielen Problemen steht. Diese zu lösen, kann sehr stressig sein. Man muss auf vieles verzichten und viel Zeit dafür aufwenden. Auch wenn man nicht direkt mit der Arbeit beschäftigt ist, ist der Kopf doch nie frei. Weil ich aus einer Unternehmerfamilie stamme, wusste ich aber ungefähr, worauf ich mich einlasse und dass sich mein Einsatz früher oder später auszahlen würde. Letztlich ist alles auch eine Frage der Hoffnung und der Ambition.

Die Designerin in ihrem Atelier in Barcelona.

Wie hat sich Ihr Stil mit den Jahren entwickelt?

Ich glaube, meine Technik ist besser geworden. Am Anfang musste ich noch lernen, deshalb waren mir Grenzen gesetzt. Heute kreiere ich komplexere Designs: Meine Technik gibt mir mehr Gestaltungsfreiheit, führt zu einer besseren Verarbeitung und letztlich zu besseren Ergebnissen. Ich war noch sehr jung, als ich begann: Heute sehe ich im Vergleich zu meinen früheren Kollektionen den Fortschritt. Meine erste Kollektion war noch von einer Vintage-Schulästhetik geprägt.

Ab wann begannen Sie, Ihre eigenen Handtaschen zu kreieren?

Anfang 2009 verspürte ich den Drang, etwas Eigenes zu schaffen. Nachdem ich die Grundfertigkeiten beherrschte, erstellte ich meinen ersten Prototyp. Von da an nahm alles Schritt für Schritt eine Form an, auf eine ganz natürliche Art. Ich renovierte in einer kleinen Strasse in Born einen Laden und richtete ein Atelier ein, sodass die Passanten meiner Arbeit zusehen konnten. Einige Monate später präsentierte ich meine erste Kollektion.

Ich liebe alte Gegenstände, die über ihren Gebrauch hinaus Bestand haben und uns in andere Zeiten versetzen.

Inwiefern hilft Ihnen Ihre breite Erfahrung in verschiedenen kreativen Richtungen beim Design?

Beim Design sind alle Fertigkeiten, die ich mir über die Jahre erworben habe, enorm wichtig. Am Anfang helfen mir Fine Arts, Art Direction und Set Design beim Entwerfen und Kreieren des ästhetischen Umfelds jeder Kollektion. In der zweiten Phase sind es der zeichnerische Entwurf, die technische Zeichnung und das Erstellen von Modellen, die über die Entwicklung und Gestaltung jedes Modells entscheiden. Zum Schluss geht es dann um die Kunst und die Technik der Lederverarbeitung. Dank meiner Erfahrung kann ich experimentieren und meine Designs alleine umsetzen, ohne eine Zwischenstufe einschalten zu müssen. Trotzdem kenne ich auch meine Grenzen bewege mich stets innerhalb meiner Fähigkeiten.

Was inspiriert Ihre Kollektionen?

Die erste Kollektion heisst «Truant», Schulschwänzer. Die Handtaschen sind alle nach einem Schulfach benannt, beispielsweise Geografie, Geschichte, Poesie. Die zweite heisst «Farewell» und ist von alten Zügen inspiriert. Die Handtaschen tragen die Namen von englischen Zugstrecken: York, Cambridge und so weiter. Die dritte Kollektion ist von Holz und von den organischen Formen des Schwarzwaldes inspiriert. Eine andere Kollektion erinnert an die literarische Bewegung in Buenos Aires nach der Gründung der Zeitschrift Sur und an ihre Gründerin Victoria Ocampo. Die Fotos dieser Kampagne entstanden auf ihrer Farm in San Isidro, Buenos Aires, wo sie viele Besucher empfängt, darunter Schriftsteller, Architekten und Künstler aus aller Welt.

 

Carolina Iriarte liebt die Helligkeit und Geräumigkeit ihres Ateliers.

In Ihrer Arbeit konzentrieren Sie sich fast ausschliesslich auf Handwerkskunst mit handgefertigten Stücken. Warum haben Sie sich für die Arbeit mit den Händen entschieden?

Ich finde es natürlich. Ich habe meine Kleider schon immer selbst genäht. Obwohl ich nicht immer über die nötige Technik oder Erfahrung verfügte, war das Ergebnis stets positiv. Für mich war es wesentlich und hilfreich, mit dem Material in Kontakt zu treten und meine Ideen über meine Hände einfliessen zu lassen. Ich liebe es, zu experimentieren und zu sehen, was aus einer Idee oder einem Design entstehen kann. Letztendlich zahlt es sich aus, wenn man die Dinge eins nach dem anderen mit Sorgfalt und Zuwendung macht. Dadurch entstehen einzigartige Stücke mit zeitlosem Charakter.

Ihre Vintage-Kollektionen reichen von Musik über Möbel bis hin zu Bildern. Warum interessieren Sie sich so für Vergangenes?

Ich liebe alte Gegenstände, die über ihren Gebrauch hinaus Bestand haben und uns in andere Zeiten versetzen. Diese Dinge haben eine Geschichte, eine Patina. Sie haben es geschafft, bis in die Gegenwart zu überleben, sind also in der Regel von guter Qualität. Ich finde es sehr inspirierend, sie genau zu betrachten und herauszufinden, wie sie hergestellt worden sind. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mit traditionellen Techniken und hochwertigen Materialien zu arbeiten. Diese überdauern die Zeit und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Das ist es, was ich mit meiner Arbeit bezwecke.

Lässt sich die kreative Welt von Buenos Aires mit Barcelona vergleichen?

In den letzten Jahren brachten beide Städte viele talentierte Künstler und Designer hervor. In Krisenzeiten riskieren die Menschen mehr und verlassen sich auf sich selbst. In diesem Sinn finde ich Buenos Aires interessanter. Trotzdem ist die Herausforderung grösser, wenn man abseits der Mode- und Designzentren eine spürbare Wirkung erzielen will. Glücklicherweise ändert sich das dank dem Internet heute.

«Alte Gegenstände haben es geschafft, bis in die Gegenwart zu überleben, sind also in der Regel von guter Qualität.»

Wie ist es, mitten in Barcelona zu arbeiten?

Es öffnet ein Fenster zur Welt. Nachdem unser Studio erst fünf Monate offen war, erhielten wir schon eine Anfrage von der New York Times und kurz danach schrieb The Guardian über uns. Zudem ist alles schnell erreichbar. Beide Studios sind nur fünf Minuten voneinander entfernt, und jeder kennt die Plaza Real. Es ist ein symbolischer Platz mit einem wunderschönen Brunnen, Palmen und Arkaden.

Inspiriert Sie die Stadt bei Ihrer Arbeit?

Barcelona ist eine offene und dynamische Stadt, ihr pulsierendes Leben inspiriert mich. Manchmal wird man schnell abgelenkt, aber wenn man damit umgehen kann, ist es auch eine Bereicherung. Barcelona ist eine Filmstadt mit einer grossen kulturellen Geschichte, und ich entdecke immer wieder Neues. Im Winter verliere ich mich gerne in den Gassen des gotischen Viertels und stelle mir dann vor, was vor langer Zeit dort alles passiert ist.

Blick aus dem Fenster auf die Plaza Real: «Barcelona ist eine offene und dynamische Stadt, ihr pulsierendes Leben inspiriert mich.»

Was gefällt Ihnen an Ihrem Showroom am besten?

Er ist sehr hell und geräumig. Mein früheres Atelier lag über einer engen Gasse, in die nur selten Sonnenlicht drang. Mit natürlichem Licht arbeiten zu können, gehört zu den Dingen, die ich am meisten schätze. Zudem eignen sich die Aufteilung und Grösse perfekt für meine Vorstellung, alles in einem Raum zu machen.

Danke Carolina, dass Sie uns Ihr Studio im Herzen von Barcelona gezeigt haben.

 

Weitere Informationen über Carolina Iriartes Designs finden Sie hier:

Webseite iriarteiriarte.com

 

Wir haben Carolina Iriarte im Rahmen der Serie «Räume voller Leben» getroffen, in welcher wir inspirierende Arbeits- und Wohnräume und die Menschen dahinter vorstellen.

 

Fotos: Natalia Guarín und Ruben Ortiz

Produktion: FVF Productions UG