Der Wandel der Wirtschaft, Technik und Gesellschaft verändert nicht nur den Menschen in seinem Verhalten und seinen Wertvorstellungen. Auch die Arbeit unterliegt einer ständigen Veränderung: Der Erfindung der Dampfmaschine folgte die industrielle Revolution. Fast noch stärker hat der Computer die Arbeit umgewälzt. Und mit der sogenannten Industrie 4.0, der Vernetzung der Produktion, steht schon der nächste tiefgreifende Wandel bevor. Roboter übernehmen unsere Arbeit; traditionelle Berufe verschwinden, neue werden kreiert. Virtuelle Welten ergänzen die reale Welt. Wie wird sich der Arbeitsalltag verändern, worauf müssen sich Mitarbeiter und ihre Arbeitgeber einstellen? Wie sieht der Arbeitsplatz von morgen aus? Diese und andere Fragen haben wir Karin Frick, Head Research Gottlieb Duttweiler Institut (GDI), gestellt.

Drohnen, Roboter und Virtual Reality (VR)-Brillen unterstützen uns zunehmend in den täglichen Arbeiten. Durch die Entmaterialisierung und Digitalisierung bleiben Emotionen und Sinnlichkeit auf der Strecke. Sitzen wir künftig isoliert mit der VR-Brille am Pult und sprechen mit Computern und Robotern? Wie arbeiten wir zukünftig?

Früher haben die technischen Hilfsmittel menschliche Muskelkraft ersetzt und uns mehr Mobilität verschafft; wir konnten zum Beispiel grössere Lasten bewegen. Heute erhalten wir immer mehr technische Hilfsmittel, die uns im Denken oder auch im Sehen unterstützen. Mit den neuen Instrumenten können wir gewissermassen erweiterte Realitäten sehen (Augmented Reality). Es geht heute darum, die mentalen Möglichkeiten und unsere Kommunikationsmöglichkeiten zu verstärken, die Sinne zu erweitern und die Wahrnehmung zu verändern. Dass man mit dem Smartphone telefonieren kann, ist eine Funktion unter vielen. Eine Brille schützt in Zukunft nicht nur gegen Sonne und korrigiert Sehfehler, sie ist zudem ein Mikroskop, ein Teleskop und kann mit Augmented Reality überblendet werden. Wo sinnvoll, werden diese Instrumente unseren Arbeitsalltag erleichtern und unterstützen.

Welche Rolle kommt dem Mitarbeiter zukünftig zu?

Es gibt eine Verschiebung von physischen zu virtuellen Arbeiten. Wir bewegen mehr Daten, weniger Beton und Stein. Man baut mehr am Computer und bedient sich der Maschinen zur Unterstützung bei der Konzeption von ganzen Objekten und steuert deren Vernetzung. So wird es in der Immobilienbranche sein. Diese Verschiebung passiert jedoch langsam. Es wird eine lange Übergangszeit von mehreren Jahrzehnten geben. Alte Formen existieren parallel zu neuen. Sicherlich gibt es Branchen, die schneller virtualisiert werden wie beispielsweise die Finanzbranche. Die Baubranche verändert sich langsamer. Bei uns ist bauen immer noch sehr individuell. Dass in China bald Städte und neue Quartiere vollautomatisch aus dem Boden gestampft werden, ist wahrscheinlich. Technisch einfachere Dinge wie Gewerbebauten können sicherlich auch bald bei uns aus dem 3D-Drucker entstehen. Dennoch braucht eine flächendeckende Änderung Zeit. Und was das für den Menschen, den Mitarbeiter, die Mitarbeiterin bedeutet: Es entstehen neue Aufgaben, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Haben die Jungen mit ihrem Verhalten Einfluss auf die Entwicklung von Unternehmen und der Gesellschaft? Sie sind es doch, die neue Arbeitsformen kreieren.

Es ist ein Zusammenspiel. Man tritt in eine Firma ein, wo schon gewisse Strukturen da sind. Jung und Alt beeinflussen sich gegenseitig. Eine klare Tendenz ist die Verschiebung von Festanstellung zu projektbezogenem Auftragsverhältnis, insbesondere bei qualifizierten Arbeitskräften. Das erfordert mehr Flexibilität.

Werden wir tendenziell mehr arbeiten dürfen?

Der Arbeitsbegriff wird sich verändern. «Schaffen» wir für bezahlte Arbeit oder für Arbeit, die wir uns selber vornehmen, weil es unsere eigenen Projekte sind? Es gibt eine Verschmelzung. Die Trennung Arbeit-Freizeit wird aufgelöst.

Zudem besteht die Tendenz, dass Arbeit an uns ausgelagert wird. Nehmen wir das Beispiel der Bankeinzahlungen: Dieser Service hat früher die Bank für uns ausgeführt, heute machen wir dies selber online. Heute checken wir am Flughafen selber ein und buchen die Flüge direkt über einen Onlineanbieter. Reisebüros verschwinden zunehmend. Will ich zukünftig in meinem Garten Früchte und Gemüse ernten, brauche ich Zeit für die Gartenbewirtschaftung. Ich fülle meine Freizeit mit einer anderen Tätigkeit beziehungsweise Arbeit. Bezahlte Arbeit im herkömmlichen Sinne ist weniger kontinuierlich, aber aktiv ist man immer. Die Frage ist: Ist es Freizeit, ist es Arbeit?

Multifunktionale Flächen sind die Büroflächen von morgen

Die Tendenz von flexiblen Arbeitsplätzen mit «Trollys» ist rückläufig. Gemäss Studien ist der Arbeitsplatz auch Ort des Wohlfühlens. Fotos der Kinder und weitere persönliche Zierden sind Ausdruck des zweiten Zuhauses. Was heisst das für die Arbeitgeber und die zukünftigen Arbeitsplätze?

Fakt ist: man hat kaum nur noch einen Arbeitsplatz. Wenn es heimelig ist, dann ist man zu Hause, nicht im Office. Man kommt dann zusammen, wenn man diskutieren und Dinge besprechen möchte, deshalb sind gute Meeting-Bereiche und Begegnungszonen in Büros wichtig. Die Arbeit passiert nicht mehr nur an einem Ort. Zentrale Dienste wie Buchhaltung haben noch fixe Büros. Dort darf sicherlich auch mal ein Foto auf dem Pult stehen. Für jene, die teils zu Hause, teils beim Kunden arbeiten, braucht es keine heimeligen, sondern sehr funktionale und isolierte Arbeitsplätze wo in Ruhe gearbeitet werden kann.

 

Grosse IT-Unternehmen wie Google und weitere bieten ihren Mitarbeitenden Wohlfühloasen: Fitness-Studios, Begegnungszonen mit Lümmel-Sofas, Möglichkeiten zum Kochen, Massage etc. Ist das mehr als ein Trend?

Das ist eine Situation für ganz grosse Unternehmen. Es handelt sich meist auch um Prestigebauten. Man markiert mit dem Hauptsitz und pflegt eine ganz individuelle Kultur. Es ist nicht realistisch, dass Firmen per se Komfortzonen schaffen. Was Google und gewisse andere, meist amerikanische IT-Unternehmen bieten, wird sich nicht flächendeckend durchsetzen. Auch top Software-Entwickler, welche die Unternehmen mehrheitlich ansprechen, können von überall aus arbeiten. Die Frage ist: Was findet noch zentral statt? Die Welt ist extrem schnelllebig. Der Mensch und die Arbeit werden sich stetig verändern, was sich auf die Arbeitsumgebung auswirken wird.

Welche Fähigkeiten nebst Flexibilität und Agilität brauchen Mitarbeitende künftig?

Es sind nicht alle Menschen gleich. Es wird eine Polarisierung geben. Die neuen, mächtigen Hilfsmittel die aus der Digitalisierung entstehen, die Tendenz zu mehr Freiheit und der Tatsache, weniger in Strukturen eingebunden zu sein, erfordern zunehmend die Fähigkeit unternehmerisch zu denken, gut zu kombinieren und insbesondere sich selber führen zu können. Diese Fähigkeiten müssen vermehrt aktiviert und entwickelt werden.

Wie sollen sich die Jungen diese Fähigkeiten aneignen, wenn sie sich nur noch in sozialen Medien bewegen, am Computer gamen und mittels Handy chatten? Ist die Generation Y und Z überhaupt arbeitsmarktfähig?

Das täuscht. Sie bilden neue Fähigkeiten aus: Die Jungen lernen, sich in Netzwerken zu bewegen und zu kooperieren. Viele der Computerspiele entsprechen den Realitäten. Insbesondere die Strategiespiele, die kaum strukturiert sind. Genau mit diesen Spielen lernen sie sich zu organisieren, zu kooperieren und andere mit einzubeziehen. Selbstverständlich gibt es auch jene, die sich nur noch auf das Wissen im Netz verlassen und kaum mehr mitdenken, weil Big Mama – das grosse Netz – immer und überall abgerufen und Hilfe auf Knopfdruck angefordert werden kann.

Inwiefern müssen Anbieter von Dienstleistungs- und Gewerbeflächen ihre Produkte anpassen, um dem Büro «von morgen» gerecht zu werden?

Multifunktionale Flächen sind die Büroflächen von morgen. Flächen, die gemeinsam für verschiedene Zwecke genutzt werden können. Firmen bieten schon solche innovativen und neuartigen Produkte an. Nach Bedarf Flächen mieten, kombiniert mit individuellen Services. Sozusagen das Airbnb für Geschäftsliegenschaften.

Wo sehen Sie weitere Innovationsschritte und Veränderungen?

Die nächste Generation von Baumaterialien eröffnet uns ungeahnte neue Möglichkeiten. Das ist ein spannendes Feld, das man noch gar nicht vor Augen hat. Durch die neue Art der Materialien entstehen neue Bauweisen und auch neue Raumqualitäten. Neue Materialien verändern auch die Technik und lassen mobilere Konzepte und Kompetenzen entstehen. Kunststoff und Beton werden qualitativ besser und dadurch auch anders einsetzbar. So ist ein Plastikhaus aus dem 4D-Drucker keine Science Fiction, sondern baldige Realität. Denkbar sind auch selbstheilender Beton oder intelligente 4D-Drucker, die Risse in den Wänden erkennen und automatisch flicken. Die Materialen von morgen reinigen und reparieren sich selber, was wiederum den Unterhalt verändern wird.